Vom Straßenkind zum CEO

Vi im Gespräch mit obdachlosen Kindern auf einem Brückenmast in Hanoi

Veröffentlichungsdatum: 20.02.2022

Vor fast 20 Jahren lebte Vi auf den Straßen Hanois und putzte Schuhe. Heute bereitet er sich darauf vor, Co-CEO der Blue Dragon Children’s Foundation zu werden.

Ich traf Vi zufällig an einem Sonntagnachmittag in den Straßen der Stadt. Mit seinen Schuhputz-Utensilien in der Hand lief er auf mich zu. Ich konnte die Vorfreude in seinen Augen sehen, als er den Mut aufbrachte, an mir die einzigen Worte zu üben, die er auf Englisch konnte: „Hallo, Schuhe putzen?“ Das war 2003 und ich war seit weniger als einem Jahr in Vietnam. Dort unterrichtete ich Englisch für Wirtschaftsstudent:innen und hatte in meiner Freizeit begonnen, Kurse für Straßenkinder zu geben. Einige meiner Student:innen und eine Handvoll ausländischer Freund:innen halfen mir dabei und an den Wochenenden veranstalteten wir Kurse und Fußballspiele, an denen die Schuhputz-Kinder von Hanoi kostenlos teilnehmen konnten. Damals gab es „Blue Dragon“ noch nicht. Wir waren alle nur Freiwillige, die etwas Gutes für die Kinder tun wollten.

Was mit einer zufälligen Begegnung begann, entwickelte sich zu einer viel längeren Geschichte. Vi wollte mir nur die Schuhe putzen, aber stattdessen lud ich ihn ein, an einem Englischkurs teilzunehmen. Sechs Monate später entstand die Idee, eine Wohltätigkeitsorganisation zu gründen, und wir bereiteten uns darauf vor, unsere erste Schutzunterkunft zu eröffnen. Vi war einer der ersten sechs Bewohner:innen, und wir stellten seine Mutter ein, damit sie sich um die Kinder kümmerte.

Vi, 15 Jahre alt, in der ersten Blue Dragon Unterkunft. (c. 2003)
Vi, 15 Jahre alt, in der ersten Blue Dragon Unterkunft. (c. 2003)

Vi war typisch für die Straßenkinder dieser Zeit. Mit 15 Jahren brach er die Schule ab und verließ sein Zuhause auf dem Land, um Geld für die Familie zu verdienen. Seine Mutter arbeitete ebenfalls in Hanoi, verkaufte Obst oder sammelte Schrot, der recycelt werden konnte. Alles, was sie verdienten, diente dazu, Vis Geschwister in der Schule zu halten. Da er nicht in die Schule zurück wollte, nahm Vi an verschiedenen Seminaren teil, zunächst in den Bereichen IT und Englisch. Dann ergab sich die Gelegenheit, in einem der besten Restaurants in Hanoi zu arbeiten, und Vis Karriere als Barkeeper begann. Nach sechs Jahren kam Vi zurück, um für Blue Dragon zu arbeiten. Wir brauchten jemanden, der nachts auf der Straße nach obdachlosen Kindern sucht, und Vi war bereit zu helfen. Aber mit einem Vorbehalt: nur für sechs Monate, sagte er mir. Mehr als 12 Jahre später ist Vi immer noch bei Blue Dragon. In einer Senior Management-Position leitet er ein Team von fast 40 Fachleuten, die sich um Kinder kümmern, die missbraucht, gehandelt oder vernachlässigt wurden.

Seit dem 01. März steht er als neuer Co-CEO vor einer ganz neuen Herausforderung. Um die Komplexität unserer Arbeit zu bewältigen, gibt es bei Blue Dragon zwei CEOs. In den letzten zwei Jahren hatten Skye Maconachie und ich diese Positionen inne. Jetzt bin ich bereit für eine Veränderung. Ich verlasse Blue Dragon nicht, sondern trete lediglich in eine neue, stärker fokussierte Rolle als Gründer und strategischer Leiter ein. Mit diesem Schritt hat sich die Gelegenheit für einen neuen Co-CEO eröffnet. Aus einer Reihe hervorragender Kandidat:innen für diesen Posten stach Vi hervor. Er hat die Fähigkeiten, die Leidenschaft und die Vision für die Rolle. Vi hat in seinem Leben unglaubliche Schwierigkeiten überwunden und war stets bestrebt, anderen zu helfen. Bei seinem ersten Vorstellungsgespräch für den Posten des Co-CEO lautete unsere erste Frage: „Warum möchtest du diesen Job haben?“ Seine Antwort: „Damit ich mehr Menschen helfen kann. Als CEO weiß ich, dass ich mehr bewirken kann.“

Vis Weg vom Straßenkind zum CEO erinnert mich daran, wie viel Potenzial in jedem Kind steckt. Diese zufällige Begegnung auf der Straße vor fast 20 Jahren hat unzählige Leben zum Besseren gewendet.

Vi stellt einem Teenager einen Laptop zur Verfügung, mit dem er während der COVID-Schließungen im Jahr 2021 online lernen kann.

Seine Vision für Blue Dragon: „Ich möchte leidenschaftliche Führungskräfte in unserem Unternehmen und in der Gesellschaft inspirieren und befähigen. Wir müssen ein sicheres, flexibles Umfeld und eine Kultur des Teilens, der Fürsorge und des Eintretens für das Richtige schaffen. Und wir müssen uns mit der Welt vernetzen und unsere Mission teilen, damit wir die Welt zum Handeln inspirieren können“.

Übersetzt & adaptiert von Kirsten Broschei (Fotos und Text aus dem Blog vom Blue Dragon Gründer Michael)